Plötzlich befand sie sich auf unerklärliche Weise mit Elina im Trainingsraum des bunten Hauses.
„Sag nichts“, begrüßte sie Elina. „Ich weiß alles. Als du nicht gekommen bist, begegnete ich kurz Maya. Du hattest dein Kleid oben liegen lassen und sie brachte es mir vorbei. Ich weiß nicht, ob ich dir erzählt hatte, dass es ein Seelenkleid ist und so konnte ich alles mitverfolgen, was dir widerfahren ist, als ich es in Empfang nahm. Jeder, der es in seine Hände nimmt, ist direkt mit dir verbunden. Also pass auf, wo du dein Kleid in Zukunft liegen lässt. Aber du konntest es ja nicht wissen, wir haben vergessen, es dir zu sagen. Vielleicht auch aufgrund des Ereignisses heute, wer weiß.“ Elina lächelte Lena mitfühlend an.
Lena war immer noch wütend. „Nie mehr werde ich etwas für Cat tun“, sagte sie. „Sie nutzt mich nur aus. Immer braucht sie mich für ihre Bedürfnisse, aber wenn ich einmal ein Bedürfnis habe, so wie ihr vom Lichtstaub zu erzählen, dann hört sie nicht zu und legt einfach auf. Überhaupt legen immer alle Leute um mich herum den Hörer auf, bevor ich überhaupt dazu komme, etwas zu sagen“, erzählte Lena verletzt.
„Sie können dich nicht hören“, sagte Elina sanft. „Deshalb legen sie auf. Sie verstehen dich nicht. Selbst, wenn sie es wollten. Sie haben keine Sinneskanäle für deine Botschaften. Ich weiß, dass das schwer zu verstehen ist, aber es gibt sehr unterschiedliche Arten von Menschen. Cat zum Beispiel und auch deine Eltern. Bei ihnen fehlt dies einfach. Dafür nehmen sie andere Dinge wahr.“ Elina schaute Lena liebevoll an. „Stell dir vor, du könntest nicht sehen und ich würde dir eine schöne Landschaft zeigen. Du würdest sehr wahrscheinlich nicht reagieren. Und wenn ich dir davon erzählen würde, würdest du verständnislos fragen, über was ich da eigentlich spreche, weil du noch nie eine Landschaft gesehen hast“, erklärte sie und fuhr fort, „Bald wirst du den Kreis der Vogelfrauen kennenlernen. Gedulde dich aber noch ein bisschen. Du brauchst noch ein wenig Zeit und wirst ein paar Prüfungen bestehen müssen, bevor du sie das erste Mal kennenlernen darfst, aber sie sind alle wie du…“ Elina lächelte erleichtert und sagte, „Und sie verstehen alles, was du sagst, was du fühlst. Ihr könnt dann sogar eure Gedanken miteinander verbinden und verweben, eure Gefühle in Farben sehen und mit ihnen spielen. Eure Geschichten könnt ihr dann als Musik hören und Zahlen werden zu tanzenden Farben. Ich weiß, dass dir das alles sehr vertraut vorkommt und ich weiß, dass du dein Leben lang versucht hast, zum Beispiel deine bunten, tanzenden Zahlen in deinem Kopf immer wegzuschicken. So wie ‚Schuld‘, ‚Ärger‘ und ‚Trauer‘ und all die anderen wichtigen Botschafter, die dich besuchen kamen, nur weil du dachtest, du wärst damit nicht normal.“ Elina schwieg kurz und fügte dann noch hinzu, „Was ich sehr gut verstehe, denn wenn dir alle etwas anderes vorleben, dann denkst du ganz automatisch, dass etwas mit dir nicht stimmt…“
Elina lächelte etwas bedauernd. „Die Vogelfrauen sind wie du und sie warten auf dich. Sie haben alle ihr Vogelküken befreit und große Prüfungen bestanden. Deshalb gedulde dich noch ein wenig. Sie freuen sich auf dich.“
Lena schaute Elina mit großen Augen an und nun sagte Elina etwas schuldbewusst: „Ach, ich weiß, Idis wollte nicht, dass ich dir bereits davon erzähle, aber das, was heute passiert ist…“, sie zuckte kurz mit den Schultern, „trieb mich einfach dazu! Ich bitte dich aber, gedulde dich und halte durch. Ich wünsche mir so sehr, dass du dich entscheidest, die Reise wirklich anzutreten!“
Lena war neugierig geworden und bat Elina um mehr. „Erzähl mir mehr von den Vogelfrauen! Wenn es tatsächlich Frauen sind, die mich verstehen würden, die so sind wie ich, dann würde ich mich nicht mehr so alleine fühlen…“
Lena spürte, dass sie die Reise auf jeden Fall antreten würde. Elina lächelte, als ob sie Lenas Entscheidung empfangen hätte. „Später. Nun beginnen wir mit unserer heutigen Lektion.“
„Dein Erlebnis heute Morgen kommt uns gerade Recht“, erklärte sie, „Denn ich habe miterlebt, wie sehr du nach einer Lösung suchtest, nachdem dich Cat angerufen hatte. Du wusstest gar nicht, was du tun solltest, ob du herkommen oder zu Cat fahren solltest, um die Kundin zu betreuen. Du bist deinem Gewissen gefolgt. Denn dein grundlegendes Programm ist, Menschen, denen du etwas zugesagt hast, nicht mehr abzusagen oder sie gar zu hintergehen, indem du in dem heutigen Fall zum Beispiel einfach nicht zur Kundin gefahren wärst.“
„Ja, das stimmt“, stimmte Lena ihr zu, „Ich halte meine Versprechen, wenn ich sie zugesagt habe.“
„Da ist ja auch gar nichts dagegen einzuwenden. Jedoch wolltest du das heute eigentlich nicht für Cat tun, richtig?“, fragte Elina und Lena nickte. „Und du hattest einen guten Grund dazu. Du hast erkannt, dass Cat grundsätzlich etwas von dir will, aber nie etwas für dich gemacht hat, und ich spreche hier von den Dingen, die du wirklich wolltest. Es mag sein, dass sie dich zu ihren Partys mitgenommen hat, was du als großen Freundschaftsbeweis ansahst. Aber dann ist dir klar geworden, dass sie ohne dich eher nicht auf die Partys gegangen wäre.“
„Ja, das ist wahr…“ Lena wurde immer nachdenklicher und da fiel ihr ein, dass Cat tatsächlich meistens nicht auf die Partys gegangen war, wenn sie nicht mitkam. Sie spürte, dass sie immer noch wütend auf Cat war.
„Aber“, fuhr Elina fort, „du hast alles freiwillig mitgemacht. Und auch heute Morgen hast du freiwillig Ja gesagt.“
„Nein, das stimmt nicht ganz“, warf Lena ein.
„Ok… wie war es denn dann? Hast du nicht freiwillig Ja gesagt?“, fragte Elina interessiert.
„Na, doch, nachdem Cat so lange gebeten hatte. Ich hatte so ein schlechtes Gewissen. Aber jetzt weiß ich gar nicht mehr warum eigentlich“, gab Lena zu.
„Cat hat dich unter Druck gesetzt. Sie hat erstens die Zeit extrem verknappt. Die Kundin würde ja schon in zwei Stunden kommen und sie selbst war ja schon fast auf dem Weg nach Mallorca. Das heißt, du fühltest dich unter Zeitdruck und konntest nicht mehr richtig nachdenken. Dann hat sie dich emotional eingewickelt, indem sie dir erzählt hat, dass sie sich so sehr verliebt hat und es ihr sehr, sehr wichtig ist. Dann hat sie dir ein schlechtes Gewissen gemacht, indem sie dich darauf hinwies, dass sie dir das Morphin besorgt hatte. Und schließlich hat sie dich noch mit ihrem Cabrio gelockt. Und am Ende hat sie aufgelegt und war gleich danach nicht mehr erreichbar. Schlau, oder?“, fragte Elina herausfordernd, „Sie hat dich unter Zeitdruck gesetzt, an dein Mitgefühl appelliert, dein Gewissen angesprochen, dich geködert und dir dann letztendlich keine Wahl gelassen.“
Lena erblasste. „So habe ich die Sache noch gar nicht betrachtet“, sagte sie und fügte völlig fassungslos hinzu, „Aber… wie kann man so sein?“
Elina nickte nachdenklich. „Viele Menschen sind so. Sie merken gar nicht, was sie damit anderen antun. Und… weißt du, wie man das nennt?“
Lena ahnte es. „Manipulation“, sagte sie nüchtern und ihre Wut wich nun tiefer Enttäuschung und Traurigkeit.
„Lena, ich weiß, das ist jetzt alles nicht angenehm zu hören, aber wenn du zu Papili kommen willst, brauchst du die Bereitschaft, den Dingen ins Auge zu sehen und zu sehen, wie manche Dinge leider wirklich sind“, sagte Elina abgeklärt.
„Elina hat recht“, dachte Lena und schaute mit leerem Blick zu Boden.
Und plötzlich verwandelte sich der helle Trainingsraum in einen bunten Raum. Überall erschienen Bücher, Hefte und Schreibstifte. Auch bunte Malstifte lagen auf einmal überall herum.
„Lena! Lass uns nun mit deinem Training weitermachen“, schlug Elina vor. „Heute üben wir kreatives Schreiben. Hier ist ein Stift, probiere ihn doch gleich einmal aus!“ Lena nahm den Stift, den Elina ihr gab, doch kaum hielt sie den Stift in ihrer Hand, schrieb er bunte Wörter in die Luft.
„Huch, was ist denn das?“, fragte Lena verwundert.
„Nun, dieser Stift malt automatisch all deine Gedanken in die Luft. Er dient dazu, dass du diese besser erkennen kannst, wenn sie vor dir in der Luft schweben“, erklärte Elina. Und der Stift malte sehr fleißig drauf los: „Ich hasse Cat, sie hat mich ausgenutzt, das tut weh, so weh, ich bin so wütend auf Cat, nie wieder möchte ich eine Freundin haben, alles ist so doof, blöde Cat!“
Erschrocken ließ Lena den Stift fallen, aber Elina hob ihn wieder auf und lachte. „Whooo, wow, Lena, du bist ja wirklich richtig wütend!“ In diesem Moment schrieb der Stift genau das, was Elina eben gesagt hatte: „Whooo, wow, Lena, du bist ja wirklich richtig wütend!“
Lena nahm den Stift wieder von Elina entgegen und gab dann kleinlaut zu: „Ja, aber es ist hier in mir drin, nur… der Stift hat es aufgeschrieben… Obwohl, jetzt sind die Buchstaben ja schon wieder verblasst…“
„Ja, es ist ein Zauberstift und so ist das bei Zauberstiften. Die Buchstaben verblassen nach einer Weile. Der Sinn dieses Stiftes ist, dass er deine Gedanken langsamer macht, wenn du sie in der Luft vor dir sehen kannst, bevor sie, wie normalerweise, so schnell kommen und gehen, so dass du sie gar nicht richtig wahrnimmst. Sie laufen ja oft so schnell in deinem Kopf herum, dass du sie schwer einordnen und auch greifen kannst“, erklärte Elina. „Viele deiner Gedanken nehmen Kontakt zu den Klabuwees auf, ohne, dass du es merkst. Sie locken zum Beispiel Ärger, Traurigkeit und Schuld automatisch an und die kommen dann immer ganz schnell angerannt und dann musst du wieder mit ihnen zurechtkommen und sie umwandeln“, erklärte sie geduldig.
Lena schaute Elina überrascht an. „Woher weißt du denn das mit meinen schnellen Gedanken? Sie rennen tatsächlich den ganzen Tag in meinem Kopf herum und ich kann sie oft wirklich nur schwer fassen. Deshalb hilft es mir, immer ganz viel zu rechnen. Das ist ja auch der Grund dafür, warum ich Mathe so liebe… Aber wenn ich dann immer mit dem Rechnen aufgehört habe, kamen sie genauso schnell wieder, wie sie gegangen sind… Es gibt einfach keine dauerhafte Lösung gegen sie…“
„Doch, die gibt es, Lena, zum Glück! Denn wir alle, alle Vogelfrauen, haben solch schnelle Gedanken. Ein Grund dafür, warum wir ‚die Vogelfrauen‘ genannt werden. Unsere Gedanken rennen so schnell, dass wir, wenn wir sie nicht besänftigen können, fast wie ein Hubschrauber in die Lüfte gehoben werden. So schnell rennen unsere Gedanken!“ Elina musste lachen, da ihr das Beispiel mit dem Hubschrauber gerade erst eingefallen war und sie es überaus lustig und treffend fand. „Nun gibt es aber ein Mittel dagegen, oder vielmehr, dieses Mittel dient dazu, deine Gedanken langsamer laufen zu lassen und… ihren wertvollen Gehalt in eine Form zu bringen“, erklärte sie. „Ich schenke dir nun diesen Zauberstift. Den Gedankenwolkenstift oder GWoft, wie wir ihn nennen. Deine Aufgabe ist es, nun jeden Morgen, bevor du hierher kommst, den GWoft eine halbe Stunde zu benutzen. Er lehrt dich, deine Gedanken auch bald ohne GWoft nach und nach langsamer zu schalten und sie in eine wertvolle Form zu bringen. Nur, es ist wirklich wichtig, dass du ihn täglich benutzt, bis in dir die neue Gewohnheit entstanden ist. Versprichst du mir das?“
Lena versprach es.
„Mit dem Stift kannst du auch üben, deine Gedanken zu beruhigen, aber dazu kommen wir gleich“, erklärte Elina.
Da fiel Lena auf, dass der Stift, als Elina ihn gehalten hatte, keinerlei Gedanken ausgespuckt hatte, sondern nur das, was sie in diesem Moment gesagt hatte. „Vielleicht hat sie ihre Gedanken so sehr beruhigt, dass sie gar keine hatte, als sie den Stift in der Hand hielt?“, fragte sich Lena, traute sich aber nicht laut zu fragen. Sie steckte den Stift in ihre Tasche und nahm sich fest vor, jeden Morgen die Übung zu machen.
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Anna